Tuesday
Sep202011

Der Tagesspiegel / In den Raum explodiert / Sandra Luzina

Zum Start des Berliner Festivals „Tanz im August“: Emanuel Gat ist der Choreograf der Stunde

 

Alle reißen sich um Emanuel Gat. Der israelische Choreograf, der in Südfrankreich arbeitet, ist mit seinem neuen Stück „Brilliant Corners“ zurzeit auf allen großen Festivals vertreten – in Berlin wird er dem am Freitag beginnenden „Tanz im August“ einen Höhepunkt bescheren. Das Festival stellt auffallend viele Newcomer vor, lockt aber auch mit großen Namen. Eröffnen wird es Lucinda Childs, die mit „Dance“ eines der prägenden Werke der jüngeren Tanzgeschichte zeigt. Zum Ende lässt Edouard Lock von La La La Human Steps wieder die Speed-Ballerinen los.

Mit jedem seiner Werke hat Gat das Verhältnis von Tanz und Musik neu ausgelotet, in "Brilliant Corners“ hat er nun den entscheidenden Schritt gewagt. Er zeichnet diesmal auch für die Musik verantwortlich, zwei Jahre lang hat er an der Klangcollage getüftelt, für die er Hunderte von Samples bearbeitet hat. "Brilliant Corners“ ist ursprünglich der Titel eines Albums von Theolonius Monk aus dem Jahre 1957. „Als ich das Stück choreografierte, hörte ich ständig die Alben von Monk. Er war immer in meinem Kopf“, erzählt Gat bei der Premiere während des Festivals "Montpellier Danse“. Monks Musik hat er zwar nicht verwendet, doch er lehnt sich an dessen kompositorische Prinzipien an. „Monk hat mich auch in der Weise beeinflusst, wie
ich choreografiere, wie ich auf Strukturen schaue.“Wenn man Musik genau hört, kann man lernen zu choreografieren, glaubt Gat. Doch auch in „Brilliant Corners“ gibt es eine längere Phase der Stille. „Tanz braucht eigentlich keine Musik, er kann autonom existieren“, betont Gat. „Doch mich interessiert die Spannung zwischen dem, was wir hören und dem, was wir sehen. Wir sehen den Tanz ganz anders, wenn die Musik da ist.“

In „Brilliant Corners“ sind die Tänzer in einer komplexen Klang-Umgebung eingebettet. Doch die Musik wird nicht interpretiert oder gar illustriert. Die Klänge färben die Bewegung auch nicht emotional ein. Stattdessen sieht man rhythmische, harmonische und choreografische Muster, die sich überlagern. „Tanz, Musik und Licht sind unabhängige Strukturen, die in einem gemeinsamen zeitlichen und räumlichen Rahmen koexistieren“, erklärt Gat. Kein Zweifel, seit der Israeli nach Frankreich gezogen ist, hat sich sein Diskurs intellektualisiert. Was nicht heißt, dass das neue Werk zur trockenen Denkübung geraten wäre. „Brilliant Corners“ zieht einen in jeder Sekunde in den Bann, es zeugt von einer brillanten Intelligenz und entfaltet dabei doch eine hinreißende Sinnlichkeit. Die zehn Tänzer, die sich in einem Quadrat aus Licht bewegen, loten ihre Freiheit innerhalb der Gruppe aus. Der Zusammenhalt der Gruppe scheint äußerst fragil, immer wieder geht ein Riss durch das Kollektiv. Auch die Duette erzählen von der Unmöglichkeit der Nähe. Und in den Solos scheinen die Tänzer regelrecht in den Raum hinein zu explodieren. Tänzerische Mosaiksteine fügen sich zusammen, kaum ist ein Muster erkennbar, löst es sich schon wieder auf. Wie sich die Bewegungen ineinander verflechten, wie Gat Korrespondenzen herstellt und Kontraste setzt, wie er Spannungen aufbaut, ist bewundernswert.

Gat ist offenkundig glücklich mit dem Resultat: „Brilliant Corner“ fasse die Arbeit aus 20 Jahren zusammen, sagt er nicht ohne Emphase. Und es ist ihm ein Bedürfnis, sein Selbstverständnis als Choreograf zu verdeutlichen. Für „Brilliant Corners“ habe er im Voraus kein Konzept ausgearbeitet. Er sei auch nicht ins Studio gegangen und habe den Tänzern demonstriert, was sie machen sollen. „Die Ideen entstehen während des Prozesses. Ich treffe keine Entscheidungen, sondern erforsche, welche choreografischen Strukturen ans Licht kommen.“ Das setzt genaues Beobachten voraus. Ob er Passanten zusieht oder einen Vogelschwarm beobachtet – ähnlich ist die Haltung, die er als Choreograf einnimmt. Er ist überzeugt, dass sich in der Interaktion der Tänzer eine eigene Wahrheit herausbildet. „Ich untersuche wie im Labor die Bedingungen, um reale Situationen, soziale Situationen herzustellen“, sagt Gat, der seinen Tänzern ein großes Vertrauen entgegenbringt.


So wie Gat den choreografischen Prozess beschreibt, ist er ein großes Abenteuer. Dem er sich mit all seiner Energie widmen will. Beiläufig erzählt er am Ende des Gesprächs, dass er vor zwei Monaten das letzte Mal aufgetreten sei – in dem Duett „Winter Voyages“. „Ich habe 20 Jahre getanzt, es ist genug“, sagt er. Emanuel Gat blickt nach vorn - entschlossen, die Kunst der Choreografie in die Zukunft zu führen.



Tuesday
Sep202011

Tanzpresse.de / Brilliant Corners Tanz im August

Wer ein Stück von Emanuel Gat sieht, sollte sich einlassen können auf den besonderen Stil des israelischen Choreografen und der ist vor allem eins: abstrakt. „Brilliant corners“ ist das Ergebnis einer tiefschürfenden Recherche zu den Parametern einer Choreografie, wie Bewegung, Zeit und Raum. Das mag sehr theoretisch anmuten, in der Umsetzung ist es jedoch ein hoch spannendes, sinnliches Produkt. Die Aktionsfläche ist ein rechteckig ausgeleuchteter Teil der Bühne. Die zehn Tänzer ergreifen Besitz davon in einer scheinbar arbiträren Art und Weise. Mal einzeln, mal in Gruppen versenken sie sich in Bewegungssequenzen, gehen dann wieder ab ins Dunkel des Bühnenrandes, um an einer anderen Stelle neu aufzutauchen. Die Interaktion zwischen den Tänzern schafft Energieinseln und Ruhepole, flirrende Soli wechseln mit Gruppenszenen, die den Eindruck eines amorphen Gesamtwesens entstehen lassen. Gat interessiert sich in seiner Arbeit besonders für die Verflechtung von Tanz und Musik, aber auch für das Nichtvorhandensein von Musik. „Silent Ballet“ aus dem Jahr 2008 experimentiert mit der Versuchsanordnung, musikalische Muster durch Tanz sichtbar zu machen. Und auch in „Brilliant corners“ gibt es Passagen, in denen die Tänzer in absoluter Stille performen. Für die aktuelle Produktion ließ sich Gat von Theolonius Monk und seinem gleichnamigen Jazzalbum inspirieren, das im Stück zwar nicht vorkommt, die Kompositionsprinzipien hingegen sehr wohl eine Rolle spielen. Alles scheint auseinanderzustreben und bildet doch ein komplexes Ganzes. Absolut sehenswert!

Tuesday
Sep202011

Kuvi.de / Ruhrtriennale: Alltag zu Tanz verdichtet

Emannuel Gat hat eine Klang-Collage für sein Ballett kreiert. Seine neue Choreographie zeichnet sich durch ungewöhnliche Musikalität und eine virtuose Beherrschung der tanzenden Körper aus. Bei der Ruhrtriennale zeigt er und seine Tänzer in den alten Industriehallen der Zeche Zollverein seine neue Produktion «Brilliant Corners» und wird begeistert gefeiert. Aus Energie wird Bewegung, aus Tanz wird Kommunikation. "Brilliant Corners" ist eine, für seine Company geschriebene Klang-Collage. Zehn Tänzer kombinieren Tempo und Spontanität mit höchsten tänzerischen Anspruch und spielerischer Leichtigkeit. Sie reflektieren die Alltagskultur und zeigen auf, welche Faszination Abhängigkeiten und Verantwortung haben können.  

Der Zuschauer wird in den Bewusstseinsstrom jedes einzelnen Tänzers hineingezogen.

"Brilliant Corners" schraubt sich langsam wie ein Gewinde nach und verzichtet auf Höhepunkte. Die Produktion zeigt den Tänzer, die Leichtigkeit und Schwere, Konkretes und Abstraktes. Das Publikum in Essen honoriert den 65 minütigen Akt der anspruchsvollen Eitelkeiten auf kahler Bühne mit viel Applaus. Einigen Anwesenden, mich eingeschlossen, wird sich die komplette Choreographie und damit die Sinngebung des Projekts nie ganz erschließen und ist trotzdem, oder gerade deshalb sehr zu empfehlen.


Tuesday
Sep202011

ruhrnachrichten.de / Britta Helmbold / Spielerische Bewegungsstudien im Lichtviereck

ESSEN. Die Tanzkompanie Emanuel Gat Dance verwandelt in "Brilliant Corners" das ausgeleuchtete Bühnenviereck in eine experimentelle Spielwiese für Bewegungsabläufe - mit und ohne Musik. Die spannungsgeladene, knapp 60-minütige Choreografie von Emanuel Gat ist - nach der Uraufführung im Juni bei der Biennale Venedig - seit Donnerstag bei der Ruhrtriennale auf Pact Zollverein in Essen zu erleben.

Für die Produktion hat Gat erstmals selbst eine Klangcollage entwickelt - inspiriert von Musik des Jazzers Thelonious Monk, dessen Album "Brilliant Corners" 1957 erschien, jedoch ohne seine Klänge zu verwenden. Gat lotet das Verhältnis von Tanz und Ton aus. So lässt er auch eine längere Phase der Stille zu, die eine ganz auf Tanz konzentrierte Wahrnehmung ist, da Assoziationen durch Atmosphäre dominierende Musik ausgeblendet sind.KlangkosmosChoreograf Gat geht es um Strukturen, nicht um narrative Momente oder Illustration von Musik. Eingebettet in einen Klangkosmos von melancholischen bis zu aggressiv-lauten Passagen vermessen die vier Tänzerinnen und Tänzer in bunter, sommerlicher Freizeitkleidung in Bewegungssequenzen den Raum.InteraktionenMit individuellem Repertoire, choreografisch varierten Mustern formieren sie sich als Gruppe, verschmelzen mal zu einem harmonischen Körper, reagieren auf Interaktionen untereinander und lösen sich immer wieder als Kollektiv auf. Es hat etwas von einer Probensituation, wenn sich Tänzer mit Solos, in Duetten und weiteren Formationen den Lichtraum erobern. Es ist ein intensives Wechselspiel von Energie und Ruhe, das die Performer nach rhythmischen, dynamischen Einlagen immer wieder verharren lässt, um sich dann in neuen Konstellationen auszuprobieren.



Tuesday
Sep202011

tanznetz.de / Brilliant Corners Tanz im August

Am Tag fünf des Festivals wird wieder gefeiert. Im Hebbel-Theater präsentiert der in Frankreich lebende israelische Choreograf Emanuel Gat seine neueste Choreografie für und mit zehn Tänzern. tanznetz weiter empfehlen!

„Brillant Corners“ lautet der Titel eines Album des Jazzmusikers Theolonius Monks, dessen Stil Emanuel Gat nach eigener Aussage stark geprägt habe. Jetzt hat Gat den Sound für seine Choreografie selbst komponiert, und was wir zu hören bekommen, verdient es wirklich, eine Komposition genannt zu werden, denn es unterscheidet sich wohltuend von den endlosen elektronischen Soundmixturen, zu denen sich dann ja auch entsprechend beliebig bewegt wird.

Das ist hier anders. Gat scheut die Melodik nicht, er komponiert atmosphärische Situationen, Musik die bewegt und in ihren emotionalen Facetten durchaus bewegend ist. Schon das ein Grund diesen Abend zu feiern. Der nächste: die Kompanie. Zehn Tänzerinnen und Tänzer in typbetonter Alltagskleidung auf der völlig leer geräumten Bühne. Nichts da, bis auf die schäbigen, schwarzen Brandmauern und einige fest montierte bühnentechnische Gerätschaften. Dieser Ort gehört den Menschen, die Tänzer stehen im Mittelpunkt, für sie erklingt die Musik, für sie ist es still, wenn nötig, für sie wird es hell. Kein „Lichtdesign“. Was braucht es mehr als Licht für das Arbeitsfeld, oder von der rechten Seite her mildes Abendlicht aus weiter Ferne, für jene Wege, die nach Hause führen. Die Tänzerinnen und Tänzer finden zu sich, das mutet spielerisch an, wenn Kräfte gemessen werden. Dann sehen wir verträumte Alleingänge, Annäherungen zu zweit, Übernahmen und Weiterführungen von Bewegungen zu dritt, es finden sich kleine und große Gruppen, Einzelne sehen zu, machen mit und gehen wieder. Ganz unverhofft springen Tänzer und sprengen in vehementer Drehung dabei das Bild. Bei größerer Nähe bleibt Distanz. Einmal ist Stillstand. Die ganze Gruppe dicht beieinander, vom Publikum weg, das dennoch die Energie des zehnfach in die Ferne gerichteten Blicks spürt und darauf still konzentriert reagiert. So werden wir einbezogen in das Spiel, bei dem die Freiheit, gepaart mit Zärtlichkeit, das Maß gibt. Denn die Tänzerinnen und Tänzer loten ihre Möglichkeiten aus in den Grenzen des Raumes, des Klanges und der Zeit, sie spielen mit Partnerinnen und Partnern ihrer geheimen Wahl - der Tanz als Medium
eines Ausnahmezustandes der zweckfreien Kommunikation, frei von jedem Verdacht der Vereinnahmung oder des Verrates.


Emanuel Gat hat uns da mit seinen wunderbaren Tänzerinnen und Tänzern eigentlich so etwas wie eine paradiesische Stunde geschenkt. Das muss gefeiert werden.